In dieser Statistik würde sich Mexiko am liebsten als Schlusslicht sehen. Bei der Produktpiraterie nimmt das Land derzeit weltweit den sechsten Rang ein.

Bis 1993 waren Urheberrechte im Land wesentlich besser geschützt als gegenwärtig unter den Nafta-Normen, die auf Industrialisierung der Kultur zugeschnitten sind. Entschädigungs- und Strafgesetzgebungen wurden so weit gelockert, dass in Mexiko seither so ziemlich alles kopiert wird, ohne dass die Justiz dagegen vorgeht. Auf dem Hauptplatz von Cholula, einer kleinen Stadt in der Nähe von in der Hauptstadt Mexiko City lässt sich erahnen, warum Mexiko so schlecht abschneidet. Hier bieten zahlreiche Straßenhändler die gefälschte Rolex, das nachgemachte Lacoste T-Shirt, das Parfum-Plagiat, das DVD- und Videosortiment von Top Aktuellen Kinohits bis zum mexikanischen Filmklassiker und CD- Raubkopien an. Alles ist zu haben und der Kunde bekommt was sein Herz begehrt.

Viele glauben, Produktpiraten seien in erster Linie an Luxusartikeln interessiert. Dies ist ein Irrtum, der die Unternehmen teuer zu stehen kommen kann, denn: Es wird alles gefälscht, so war in der Vergangenheit z.Bsp. die Pharmahersteller den Produktpiraten oft nur kurze Zeit einen Schritt voraus. Unternehmen, deren Produkte kopiert werden, erleiden in der Regeln spürbare Umsatzeinbußen. Raubkopien beeinflussen in Mexiko auch Kinopremieren. Wegen der illegal vervielfältigten DVDs und Videos von aktuellen Filmen erschienen diese eine Woche früher als geplant in die Kinos.

Die IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) hat eine neue Studie zur Musikpiraterie veröffentlicht. Auch Mexiko gehört zu den schwarzen Schafen, bei denen gemäß IFPI unbedingt Handlungsbedarf besteht. In Lateinamerika sind die Pirateriezahlen zwar rückläufig, allerdings weiter auf hohem Niveau und in Mexiko soll der Markt für Raubkopien größer als der legale Markt sein. Die mexikanische Musikindustrie leidet nach der Berechnungen am meisten unter der Produktpiraterie. Von 1997 bis 2003 verlor sie wegen Raubkopien 1,42 Milliarden US-Dollar. An zweiter Stelle folgt die Unternehmenssoftware-Branche (909 Mio USD), dann die Unterhaltungssoftware (686 Mio USD) und die Filmindustrie (388 Mio USD).

Software und Spielehersteller wie Microsoft & Nintendo haben bei offiziellen Regierungsvertretern um Mithilfe gegen die zunehmende Produktpiraterie ersucht. Darauf hin ist der mexikanischen Staatsanwaltschaft gelungen, ein Piratennest auszuheben. Gefunden wurden rund 20.000 illegal hergestellte Spielmodule, jedoch enden Polizeieinsätze gewöhnlich mit dem Rückzug der Ordnungshüter bevor es zu Eskalationen kommt.

Experten machen für den lebhaften Handel mit Raubkopien die jahrelang stagnierende Wirtschaft in Mexiko verantwortlich. Händler verdienen sich mit dem Verkauf illegal nachgemachter Produkte ihren Lebensunterhalt. Gegenwärtig beträgt die Arbeitslosenquote in Mexiko 3,9 Prozent. Laut Volkswirten ist diese relativ niedrige Zahl aber vor allem der Schattenwirtschaft zu verdanken, in die viele Arbeitslose abwandern und damit aus der Statistik herausfallen. Doch selbst wenn die Piraterie gestoppt würde: Ein durchschnittlich verdienender Mexikaner könnte sich noch immer keine legale DVD leisten. Alles andere ist Wunschdenken.

Im August 2004 wurde das Projekt »Mexiko Plus« zur Bekämpfung der Musikpiraterie gestartet und sieht ein gemeinsames Vorgehen der Ermittlungsbehörden und der Musikbranche vor. Desweiteren sollen durch die landesweite Initiative Händler aufgeklärt und dazu bewegt werden, nur lizenzierte Produkte zu verkaufen. So bietet die Musikindustrie ihre CDs zahlreichen Händlern zu Discount-Preisen an, damit diese trotz des großen Marktes für Raubkopien wettbewerbsfähig bleiben können.